Generation GTI – Die jungen Wilden von der Straße

Die Nackenhaare stellen sich auf, der Magen krampft. Gänsehaut, nur einen Wimpernschlag lang. Mist, zu schnell. Gas lupfen, lenken nicht vergessen, der wilde Ritt mit dem Golf GTI geht weiter. Durchtreten und raus beschleunigen. Schade, Kurve vorbei. Der Ergriffenheit folgt die Begeisterung und macht die Stirn feucht. Die Glückshormone jagen bis in die Haarspitzen im Nacken. Fein, nächste Kurve Vollgas, Fuß entspannen, reinrollen, rausbeschleunigen.

Das fetzt! Lieber Autogott, lass die Serpentine niemals enden. Achterbahn ist was für Schulkinder, im GTI spielen die großen Jungs! Alles was es braucht, ist eine leichte Karosse ohne Schnickschnack, Servo geht gerade noch durch, aber ´nen Spurassistenten braucht kein Mensch. Tanzen auf dem Asphalt!

Drei Buchstaben, die der Legende nach sogar einmal zu einem Zulassungsverbot in einem europäischen Zwergstaat geführt haben sollen. Damals, vor gut 40 Jahren, versemmelte so ein GTI im Golfpelz alles auf der Landstraße.

Als die Käferzüchter dem Krabbeltier entsagten und 1976 dem Golf die heiligen Buchstaben anhängten, glaubten die Macher des GTI zuerst nicht übermäßig an ihr Schreikind und limitierten den Sport-Golf auf vorsichtige 5.000 Stück. Um gar die bisherige Hauskundschaft nicht zu verprellen, lautete es  in einem Pressetext  „auch zum Einkaufen in Schrittgeschwindigkeit ruckfrei zu fahren“. Ernsthaft!

Die Sorge der Wolfsburger war unbegründet.
Golf GTI

Golf GTI 1983 (Bild: Volkswagen)

Der flinkste aller Gölfe hatte scheinbar den Nerv des Publikums getroffen. Allein 1977 wurden schon über 21.000 Stück verkauft, im Jahr ´79 gar 31.000. 10 Jahre später waren im noch geteilten Deutschland unglaubliche 270.000 GTI vom Golf im Schafspelz abgesetzt worden.

Diese frontgetriebene, anfänglich gerade 800 Kg leichte Kiste rappelte was das Zeug hält und machte mit 110 PS mächtig Laune, manchmal bis der Arzt kam. Letzteres führte um 1977 dazu, dass Luxemburg wegen einer erhöhten Unfallstatistik den Import vorübergehend einstellt haben soll. Klar, liebe Luxemburger, irgendwann muss man auch mit dem GTI bremsen, auch wenn‘s bis dahin noch so schön war.

Von Opel und Ford gab es natürlich schon vor dem Golf ein Sporttrikot für die kleine Klasse. Aber diese Ponys scharrten kräftig mit den Hinterhufen und erforderten spätestens bei angefeuchtetem Asphalt etwas mehr Können alter Fahrschule, wenn Drehfreude – nicht Motor – das ganze Vehikel erfasste. Dafür konnte der geneigte Eigner mit Kadett und Escort, dank leicht labiler Hüfte, herrlichste Pirouetten drehen. Zumindest, wenn er es nicht nur wollte, sondern auch konnte.

Der Golf GTI kratzte derweil fröhlich mit den Vorderfüßen die Kurve und war vergleichsweise narrensicher, zumindest wenn der Treiber irgendwann bei der Kurveneinfahrt vom Gas ging und den Panik-Fuß von der Bremse fern hielt. Sonst hatte er plötzlich auch die Drehung hingelegt, aber dezent unkontrollierbarer als Zeitgenossen im Kadett und Escort. Jaja, auch der Frontantrieb bestraft wilden Übermut irgendwann.

Dass das Ding mit dem Frontantrieb trotzdem den Zeitgeist beherrschte, zeigt sich auch daran, dass die Väter der beiden Spielgefährten mit Kadett GT/E  und Escort XR3i in den Achtzigern den Orthopäden bemühten und den Neuen fortan die Hinterbeine lahm legten.

Jenseits des Rheins passierte erst einmal nichts.

Unsere französischen Nachbarn schienen sich lieber an Baguette und Rotwein zu laben, währen der böse Golf an der Seine die Schafe riss. Zwar hatte man bei Renault auch etwas Böses mit Frontantrieb im Programm, aber eher weniger in Hinsicht Spaß, sondern Fahrbarkeit.

Der Vergasermotor mit ruppiger Turbo-Spritze verschaffte manchem R11 Turbo-Piloten den sprichwörtlichen Ritt auf der Kanonenkugel. Erst passiert gar nichts und urplötzlich knallt dann der Turbolader in die Parade. Das gern im falschen Moment und an der falschen Stelle – der Kurve… Es sollte noch Jahre dauern, bis der Giftzwerg von einem halbwegs manierlichen Nachfolger beerbt wurde…

Golf GTI

Peugeot 309 GTi (Bild: Peugeot)

Der flinke Golf GTI wilderte beherzt weiter im Land der Franzosen und verkaufte sich vortrefflich. Selbst als 1983 bereits der zweite Golf GTI die Bühne betrat, hatten Citroen, Peugeot und Renault keine ernsthafte Antwort auf den teutonischen Eindringling. Vom entgegengesetzten Export der Franzosen, in den so wichtigen Absatzmarkt Deutschland, ganz zu schweigen.

Erst gegen Ende des Jahrzehnts machte es in Sochaux und Billancourt klick und Peugeot 309 GTI und kurze Zeit später der neue Renault 19 mit potentem Zweiliter 16V schafften ein Gegengewicht. Gut erzogen, aber fast einen Tick zu brav geraten.

1986 – Golf GTI 16V setzt erneut Maßstäbe
Golf GTI

Golf GTI 16V, 1985 (Bild: Volkswagen)

Mittlerweile hatte sich die Vierventiltechnik im modernen Motorenbau verbreitet und der Golf GTI setzte erneut Maßstäbe und schickte 1986 endlich den schon drei Jahre zuvor auf der IAA präsentierten GTI 16V ins Rennen. Mit 139 PS bei einem Leergewicht von gerade einmal 968 kg mutierte er zum Landstraßenschreck der späten Achtziger.

Heute, gut dreißig Jahre später, relativiert sich natürlich einiges. In Zeiten wo Turbolader gereift, kultiviert und haltbar geworden sind und selbst von Haus aus trägen Dieseln ordentlich Beine machen, kommt man mit einem Auto der „Generation GTI“ freilich nicht mehr weit, zumindest wenn es nach reinen Messwerten auf der Autobahn geht.

Aber die Nackenhaare? Sie bleiben fein frisiert und undramatisch da, wo sie vorher waren. Leider. Mit der Ergriffenheit sieht‘s ähnlich aus. Der Spaß, den Sänger Markus einst auf der Autobahn forderte, ist in Rente. Genau wie sein NDW-Gassenhauer.

Was nun?

Ein klassischer GTI von Golf und Co. ist heute definitiv eine lohnenswerte Alternative zum automobilen Mainstream. Im Falle des Golf haben sich die Preise entsprechend entwickelt: Sehr gute Exemplare des ersten  Golf GTI liegen locker jenseits der 15.000 Euro, aber auch die Preise der zweiten Generation ziehen ordentlich an. Escort und Kadett mit Frontantrieb sind da vergleichsweise noch etwas günstiger zu haben, die französischen GTI- Interpretationen à la Peugeot 309 oder Renault 19 sowieso.

Allerdings, egal welches Modell Sie heute interessiert, man muss sie in brauchbarem Zustand überhaupt erst einmal bekommen, denn von der „Generation GTI“ sind nicht viele übrig geblieben. In Dritt- und Vierthand auf dem Weg zur Dorfdisko oder Berufsschule zu Tode geritten, pseudo-getuned und dann Ende der Neunziger weggeworfen – dieses Schicksal ereilte markenübergreifend alle Modelle.

Wer heute Spaß am puristisch-ungestümen, hoffentlich Servo- und ABS-freien Vortrieb hat, sollte nach weitestgehend originalen Fahrzeugen Ausschau halten. Das sind immer die wertvollsten.

Text: Ingolf Gottstein