Du wachst am nächsten Morgen auf, dein Haar riecht nach Altöl und verbranntem Gummi und du denkst: Noch mal!

Es ist 12 Uhr mittags. Die Sonne knallt. Ich befinde mich in der Waldau, beim 11. Freien Bergrennen. Von der Strecke ertönt Motorenlärm. Die ersten Trainingsläufe sind erfolgt, Wettkampfklasse 3 befindet sich bereits in der Startaufstellung.

Im Fahrerlager kämpft der eine oder andere noch mit etwas Kosmetik. Die Wunden der Vorrunden wollen geheilt, Heck- und Stoßstangen aus Feindberührung des Vortages wieder in Form gebracht werden. Hier und da wird ein Kühler überprüft, Probleme im Ansaugtrakt mit unkonventionellen Lösungen effektiv beseitigt. Panzer-Tape scheint das Werkzeug des Tages zu sein.

Mein Blick schweift vom Starterfeld auf drei Boliden im originären Renntrim. Da strahlt er, in unschuldigem Weiß: Der weltweit einzige Mitsubishi FTO mit Heckantrieb. Drift-König Mike Blank wird heute mit mir an den Start über die 2,5 km lange Naturrennstrecke über 13 Kehren von Waldau nach Steinbach gehen. 550 PS bei 1160 kg Leergewicht verlangen eine gewisse Ehrfurcht.

Mikes Team scheint meine Gedanken lesen zu können und begrüßt mich herzlich: “Wenn Du kotzen musst, bitte nicht in Fahrerrichtung und bei Pipi Du hast ja einen dicken Anzug an – einfach laufen lassen!”

Bevor es auf Tour geht, zunächst die Formalien, denn das Freie Bergrennen achtet akribisch (und das ist auch gut so!) darauf, dass alle Fahrzeuge technisch abgenommen und alle Rennfahrer gemeldet und versichert sind. Also schnell meinen Namen auf die Nennliste gesetzt, Haftungsverzicht unterschrieben, Fahrerbändchen zur Kontrolle der Streckenposten erhalten, Kleidchen gegen feuerfesten Overall getauscht und ab dann abwarten bis zum Aufruf des weißen Driftkönigs.

Schon das Warm Up auf dem Weg zum Start macht Laune. Ein bisschen Slalom, ein wenig Reifenqualm, die kurze Beschleunigung drückt mich in den Sitz und ich denke laut: “Besser als Kirmes!”

Mit Jubelrufen werden wir vom Zuschauerfeld über die Startlinie getragen. Mike lässt den Motor aufheulen. Wir drehen auf, ziehen mit Vollgas quer durch die erste Kurve. Rauch steigt empor. Motor und Reifen heulen immer lauter. Die Menschen toben.

Das Kurventempo ist beeindruckend. Professionelles Driften bedeutet Höchstleistung für Mensch und Maschine. Eine kurze Unachtsamkeit genügt und der Fahrspaß kann ein jähes Ende nehmen. Fahrfehler werden bei diesem Tempo nicht mehr verziehen. So sind wir im ersten Drittel der Runde 1 in der Links-Rechts-Wende tatsächlich zu flott unterwegs und touchieren in der nächsten Kehre mit dem Heck einen schwarz-weißen Leitpfosten. Die außerplanmäßige Intimität mit der Fahrbahnbegrenzung gibt die FTO-Karosse direkt an uns mit charmantem Dach-Helm-Kopf-Kontakt weiter – wir bestätigen den Ausrutscher mit kurzem Kopfnicken.

Der 5-Punkt-Gurt tut fleißig seinen Dienst, die Fliehkraft drückt uns seitlich in den Sitz. Mike zieht den FTO mit Druck wieder in die Spur. “Das ist kein Kindergarten mehr!”, kommentiert mein Profipilot den kurzen Ausflug Richtung Straßenbegrenzung.

Ich denke: “So nah an der Straße war ich lang nicht mehr.”

Dieses Gefühl, gepaart mit minimalistischem Innenraum erinnert charmant an ein sehr erwachsen gewordenes Go-Kart, allerdings in der Preisklasse knapp unter 100 000 Euro.

Schon immer habe ich mich auf den langen Kurvenstrecken des Thüringer Waldes gefragt, wo man oder frau hier eigentlich wenden soll, sollte er oder sie vom Wege abgekommen sein. Beim Bergrennen finde ich sie nun, meine Antwort: Gas, Lenkrad einschlagen, Handbremse und zack stehst du wieder sauber entgegen der Fahrtrichtung. Der in den Papieren angegebene Wendekreis ist mit dem richtigen Piloten an Bord reine Nebensache.

Das erinnert mich an meine Studienzeit, als ich meinen vierrädrigen Freund aus Bayern über verschneite Kurvenstrecken der angrenzenden Eifel ausführen durfte. Ursprünglich und ehrlich war die Zeit vor ESP und anderen elektronischen Helferlein, die manch Kurvenhatz zur echten Konzentrationsaufgabe machte. Ein Zeitsprung in die 80er und 90er, als Popogefühl vor Cockpit alarmierte.

Die nächsten Kurven laufen perfekt. Bergauf, bergab ein pures Vergnügen. Ab Runde 3 schimpft der Temperaturwarner. Das Cockpit des Japaners leuchtet gefühlt überall rot. Wir haben jetzt gut 55 Grad im Innenraum, über dreistellige Öl- und Wassertemperaturanzeigen wollen wir lieber schweigen.

Ich stelle fest, dass heiße Füße in Rennfahrerlaune ignoriert werden können und Benzingespräche auch bei monotonen Dauerwarnsignalen möglich sind – man muss einfach nur lauter sprechen!

So erzählt mir Mike von seiner Jugend am Hockenheimring, seiner frühen Liebe zum Motorsport und vom 85 000 Euro teuren Umbau des FTO, welcher seit 2012 in seinem Besitz ist. Dazwischen immer wieder schnelle Kurven, tobende Menschenmassen.

Welch eine Show!

Adrenalingeladen haben wir nach drei aufregenden Runden ein wenig Material gelassen. Das laut klopfende Geräusch von Metall auf Asphalt mahnt uns in Runde 4, die Rückfahrt zum Fahrerlager ruhiger anzugehen, der Zuschauermenge mit wilden Zugabe-Rufen zum Trotz.

“Das nennt man: Ressourcen optimal genutzt”, scherzt Mike und tritt mit mir die Rückfahrt zum Fahrerlager an. Mit Handzeichen auf das geopferte Rad oder besser gesagt: auf dessen Reste winken wir ein letztes Mal den Hunderten Fans und verabschieden uns – wenn auch diesmal weniger spektakulär – aber mit entsprechender Zahl an Dezibel aus dem Besengrund, der phänomenalen S-Kurve des Bergrennens.