Blue Motion im Thüringer Wald

Es gab Zeiten, da war der Volkswagen-Konzern in Sachen Energiewende allen eine Nasenlänge voraus. Der fast vergessene Golf 1 Citystromer ist Zeitzeuge des vielversprechenden Elektrokonzepts der späten 70er und mit seinem absoluten Seltenheitswert heute kaum bezahlbar. Eines der ca. 15 gebauten Exemplare habe ich in Ilmenau kurz aus dem Dornröschenschlaf erweckt. Im Handgepäck den aktuellen e-Golf für eine Familienzusammenführung der besonderen Art – Golf 1 Citystromer vs. e-Golf 7.

e-golf youngtimer expo

Der perfekte e-Golf der ersten Generation steht nicht im VW-Museum, sondern in Ilmenau bei Privatsammler Marek Schramm.

Mitten im Freistaat, im beschaulichen Ilmenau, soll es stattfinden: das Rendez-vous zwischen alt und neu. Mitten auf dem Campus der für zukunftsweisendem Maschinenbau und Elektrotechnik bekannten Technischen Universität. Ein Kurzausflug zum geschichtsträchtigen Kickelhahn mit den beiden Elektrorennern steht an. Kalte Füße und rote Nasen inklusive.

Im Test: Golf 1 Citystromer vs. e-Golf 7

9 Uhr früh. Eisiger Wind, die Straßen leicht gepuderzuckert vom ersten Schneefall, ein herzlicher Immobilienhändler und ein fast ladenneu erstrahlender Golf I im Hinterhof einer Bäckerei – charmante Randbedingungen, um eines der ersten Elektro-Konzepte auf den Prüfstand zu stellen, dass selbst Golf 1 Citystromer vs. e-Golf 7bei VW beinahe in Vergessenheit geraten war.

Das glänzend silbrig-schwarze „Citystromer“-Emblem auf dem Heckdeckel verrät beim ersten Kennenlernen, dass ich hier einer wirklich seltenen Spezies gegenüberstehe. Denn unter dieser Golf-I-Haube steckt kein Antrieb mit Verbrennungstechnik, sondern ein elektrischer aus 96 Volt – und das schon vor knapp 30 Jahren!

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Unter der Golf-I-Haube steckt kein Antrieb mit Verbrennungstechnik, sondern ein elektrischer aus 96 Volt.

Zur Konzeptreihe der ersten Citystromer sind auch bei VW heute kaum Unterlagen zu finden und ein unverbasteltes, komplettes Fahrzeug mit sogenannten „matching numbers“ (baugleiche Teile aus einer Serie und Produktionszeit) wie wir ihn in Marek Schramms Sammlung gerade bestaunen dürfen, kann selbst das Museum der Autostadt nicht vorweisen. Wen wundert es da, dass Immobilienhändler und Autonarr Schramm bereits eine Anfrage erhielt, sein knallblaues Exponat doch an den Volkwagen-Konzern zu verkaufen. Das kommt für Schramm jedoch nicht in Frage: „Der E-Golf wird nicht abgegeben. Bei dieser Rarität müssten wir schon über eine sechsstellige Summe reden. Aber eigentlich selbst dann nicht.“

Mehr Benzin im Blut geht eigentlich nicht

Schramms Herz schlägt für seltene Fahrzeuge. Seine Sammlung umschließt unter anderem einen 300 SL, Porsche 550 Spyder ebenso wie einen BMW 507. Seit drei Jahren ist er Vorsitzender des Thüringer Gabelbachrennens und verhilft dem ältesten existierenden Bergrennen der Welt wieder zu altem Ruhm. Einen GM Futurliner, der in einer seiner Hallen auf Restauration wartet, will er noch startklar machen, für seinen BMW Kompressor ist er gerade mit dem Goldenen Klassikerlenkrad ausgezeichnet worden. Mehr „traditionelles“ Benzin im Blut geht nicht.

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Familienzusammenführung der besonderen Art: Golf 1 Citystromer mit e-Golf 7

Gemeinsam fahren wir Richtung Kickelhahn und plaudern unterwegs ein wenig über die Golf-Historie. Den blauen E-Golf hatte der Ilmenauer Immobilienexperte 2007 zufällig in einem Forum entdeckt. „Ich hatte damals schon einen Golf 2 und 3 als E-Variante, selbst einen T2-E-Bus.“, erinnert sich Schramm. „Aber dieses Auto wollte ich unbedingt!“ Der damalige Besitzer, ein Künstler aus Hamburg, wollte das Fahrzeug zunächst aber weder für Geld noch gute Worte abgeben. Zumal Hamburg damals bereits Umweltzonen eingeführt hatte und das E-Mobil im nordischen Alltag somit unabkömmlich war. „Erst als ich ihm einen meiner moderneren Golf 2, auch mit Elektroantrieb, plus Zuzahlung anbot, kamen wir 2008 ins Geschäft und der E-Golf endlich nach Ilmenau.“, ergänzt Schramm mit sichtbarer Freude in den Augen.

Golf 1 Citystromer vs. e-Golf 7 – der Fahrvergleich!

Die Straßenlage im kompakten Einser ist ansprechend, das Zusatzgewicht durch die Akkus geht freilich auf die Leistung. Der Weg in die Höhenlagen von Ilmenau im e-Golf überrascht dennoch positiv. Der Innenraum zeigt sich klar aufgeräumter oder schlicht „nackter“ als im aktuellen Ur-ur-ur-ur-Enkel Golf 7. Trotz der kürzeren und schmaleren Außenabmessungen von 55 cm in Länge und 18 cm in Breite sitzt es sich bequem im E-Zwerg. Erfreulich aber empfinde ich vor allem die Heizungslösung des „Alten“: Hier sorgt ein separater Benzintank mit eigenem Kreislauf für wohlig warme Innenraumtemperatur, ohne – wie beim jüngsten E-Spross – die Reichweite anzunagen. Ein Konzept, das VW meiner Meinung nach durchaus in der aktuellen Generation hätte beibehalten können. Stattdessen steht im umweltfreundlichen Golf 7 das E bei entsprechenden Außentemperaturen für „eher kalt“, wenn man noch sicher ankommen möchte. Ein echter Pluspunkt für den Alten im Vergleich Golf 1 Citystromer vs. e-Golf 7.

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Das Akkupad hält ca. 4-6 Jahre und schlägt bei Wechsel mit rund 2.600 Euro zu Buche.

Stromzieher wie Radio, Bluetooth, Heizung (noch schlimmer Sitzheizung!) oder zu viel Blinken machen der Reichweite des Neuen nämlich schnell den Gar aus. Mit ca. 50-55 km Reichweite und einer Höchstgeschwindigkeit von vielleicht 100km/h mit Rückenwind entpuppt sich der Einser auch nicht als Ausgeburt an Geschwindigkeit noch Garant für Strecke. Der „neue“ schafft 140 Top Speed und im Test 150 km Distanz– für drei Jahrzehnte frischer aber alles andere als ein technischer Quantensprung, noch dazu wenn Beine, Füße und Hände frieren.

Das Gabelbachrennen würden wohl beide schaffen

Der charmanten Außenform der blauen Kiste nun verzeihe ich den KM-Makel, im neuen hätte ich mehr erwartet. Golf Eins läuft in der Stadt mit Viergang-Schaltgetriebe recht flott und Sympathiefaktor vorn mit. So verfolgen uns über den Tag verteilt neugierige Blicke und das eine oder andere gezückte Handy am Straßenrand. Den neuen e-Golf fotografiert niemand. Er wirkt modern und solide, aber eben auch nicht mehr. Mit dem Einser hingegen bin ich weg vom Mainstream.

„Ich wusste, dass irgendwann das Interesse an diesem Fahrzeug kommt.“, freut sich auch Eigner Marek Schramm. „Heute zum Beispiel ist so ein Tag!“ Recht hat er, denn unser Vergleich Golf 1 Citystromer vs. e-Golf 7 ist schon per se etwas Besonderes. „Ob wir ihn im Einsatz beim Gabelbachrennen bestaunen dürfen?“ frage ich Schramm bei unserem letzten Halt am Campus. Das Starterfeld des vom 20.-23. Juni 2019 legendären Gabelbachbergrennens sei noch nicht öffentlich, einige Startplätze noch verfügbar, erwidert er. Die 4 Kilometer lange Strecke würden Golf I wie Golf VII als E-Kandidat wohl beide schaffen. Der neue würde natürlich durchs Reglement fallen, weil er einfach zu jung und in persönlicher Wertung für ein buntes Starterfeld einfach auch zu wenig besonders ist.

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Sammler Marek Schramm mit Gabi Gottstein, Projektleiterin der YOUNGTIMER EXPO

Mein Fazit zu Fachrvergleich Golf 1 Citystromer vs. e-Golf 7: Auch wenn die „Musik“ eines Verbrennungsmotors gerade in scharfer Kurvenhatz ein wenig fehlt, hat der Charme des Einsers in Kombination mit sinnvoller Wohlfühlwärme auch knapp 30 Jahre später klar die Nase vorn! Auf ein Wiedersehen mit dem knallblauen Kollegen samt Besitzer zum Gabelbachrennen im Juni würde ich mich freuen.