Aus den Augen, aus dem Sinn.

Hunderttausende Passat Variant und Sierra Turnier pflasterten in den Achtzigern mittelständische Reihenhaussiedlungen der „alten“ Bundesrepublik. 30 Jahre später ist auf Deutschlands Straßen kaum noch einer zu sehen.

Das Mittel schichtete sich in Passat Variant und Sierra Turnier. Wer im Westen Mitte der Achtziger der Mittelschicht angehörte und für Kind und Kegel einen Kombi suchte, hatte oberhalb der Kompakt- und unteren Mittelklasse gar nicht so viel Auswahl. Kombis in dieser Klasse waren noch nicht wirklich in Mode, deren Jahrzehnt sollte erst kommen. Weder Audi, BMW, Mercedes noch Opel hatten etwas Passendes für die gut situierte Mittelschicht im Angebot.

Der Granada von Ford galt als Wohlstandstransporter der Handwerksmeister im Positiven und mutierte als abgetragener Gebrauchtwagen zum beliebten „Istanbul-Express“. Das T-Modell mit dem Stern spielte seit 1979 derweil in der gehobenen Liga und machte als Kombi erstmals auch vor Golf- und Tennisplatz eine gute Figur. Die Bayern schickten ihren hübschen, aber völlig unpraktischen Touring der 3er-Reihe erst am Ende des Jahrzehnts ins Rennen. Der größere „ Fünfer“ kam gar erst Anfang der Neunziger.

Vom Bistro-Betreiber bis zur Bourgeoisie der Passat war beliebt

Passat Variant und Sierra Turnier

Passat Variant (1980-1985), Foto: Wikipedia

Klassenloser Platzhirsch Mitte der Achtziger war der VW Passat. Grundsolide und optisch unaufgeregt gefällig knüpfte auch die zweite Auflage des Wolfsburger Raumwagens ab 1982 an die Erfolge der ersten Serie an. Vom asthmatischen 54-PS-Diesel bis zum potenten 5-Zylinder-Allradkombi mit herrlichem Motorenklang hatte VW etwas Passendes im Angebot. Tatsächlich wurde der Passat dem Markennamen „Volkswagen“ gerecht.

Vom Bistro-Betreiber bis zur Bourgeoisie mit Freizeitanspruch war der Wagen beliebt. In der Kultserie „Ich heirate eine Familie“ tauscht Peter Weck alias Architekt Schumann gar seinen durch Familienzuwachs unpraktisch gewordenen Porsche 924 gegen einen Passat Variant ein. Der ein oder andere Zuschauer nicht nur jenseits der Mauer wird bei dieser Szene gestaunt haben.

„New Edge“-Design für den Sierra Turnier

Ford bediente die Mittelklasse ebenfalls seit den Siebzigern mit Kombis. Die optisch verkleinerte Ausgabe des Granada namens Taunus wollte aber nicht so richtig zu den jung-dynamischen Familien – ja so etwas soll es schon in der Achtziger Jahren gegeben haben – passen. Zu bieder, zu spießig, zu altmodisch. Zumindest aus damaliger Sicht, denn heute machen sie wieder Spaß, die kantigen Kisten aus Köln und haben einen festen Platz in der Szene.

Passat Varaint und Sierra Turnier

Ford Sierra – Prospekt

Wie die Hauskundschaft damals allerdings auf den völligen Stilbruch des Neuen reagierten, war zunächst unklar. Im Dezember 1982 ergänzte der Sierra Turnier nun den zwei Monate zuvor präsentierten Taunus-Nachfolger im intern „New Edge“-Design genannten Blechkleid.

Die Vier- und Sechzylinder-Motoren stammten allesamt vom Vorgänger, ebenso wie das Heckantriebskonzept, allerdings ohne kutschenartige Starrachse, sondern mit modernen Schräglenkern. Gegen Aufpreis war in einigen Varianten sogar auf Allrad upzugraden. Der Duft von Duisburger Blümchentapete hatte sich aus dem Ford-Programm vollständig verzogen und wurde mit üppigen Neuwagenbestellungen belohnt.

Heute sind sie fast ausgestorben, die treuen Begleiter Passat Variant und Sierra Turnier aus Wolfsburg und Köln. Sie waren vielleicht eine Spur zu sachlich und zu emotionslos, um im Alter Surfer, Motoraver oder später ernsthafte Liebhaber um sich zu scharen und Kult zu werden. Statt dessen stand ihnen oft eine Secondlife-Karriere in osteuropäischen Gefilden bevor, bis die Materialermüdung sie endgültig dahin raffte. Nehmerqualitäten hatten sie zweifelsohne und bis auf den altersobligatorischen Rost keine ernsthaften Schwächen.

Heute bietet der Ritt in den Lieblingskombis der Achtziger durchaus wieder seinen Reiz. Sie sind lange genug aus dem hiesigen Straßenbild verschwunden, um einem möglichen Verbrauchtwagen-Image zu entgehen. Und sie sind eine fahrtechnische Wohltat im Zeitalter der sinnfreien Entertaintmentautos und erinnern an ein Jahrzehnt, in der zumindest jenseits der Mauer trotz Brockdorf, Hafenstraße und Null-Bock-Spaßjugend alles in feiner Ordnung war.

Text: Ingolf Gottstein, PS-Studio

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